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Lauda 10 - Lausa  Literaten und die tauberfränkische Eisenbahn

Die Eisenbahn im tauberfränkischen Raum hatte einigen Kontakt mit der Literatur. Genauer mit Literaten. Durchaus großen. Berühmten. Aber Halt! Auch aus den einheimischen Eisenbahnern selbst heraus. Wie dem Bahnhofsvorstand von Königshofen Alfred Biedermann. Der in der Karl-May-Forschung aktiv war. Hermann Hesse kannte. Oder dem Laudaer (Ober)Lokomotivführer Carl Reichert. In Königshofen geboren. Einen großen Rauschebart tragend. Nach dem Tod seiner Frau brachen seine literarischen Sporen hervor. Gefördert mit der Freundschaft zu einer wesentlich jüngeren Frau. Der aus Bronnbach stammenden Lehrerin und Literatin Elisabeth Oetzel. Als Lehrerin in Lauda, Wertheim und Königheim aktiv. 1926 veröffentlichte er tauberfränkische Mundartgedichte. Später auch einen Gedichtband, in dem die poetisch-erotische Beziehung zwischen Reichert und Oetzel in gemeinsame Verse gelegt wird. In einem Gedicht von Oetzel wird Reichert zum Besuch nach Bronnbach geladen. Mit dem Hinweis, dass ein Ankommen mit dem 9 Uhr Zug passend früh genug wäre. Die Eisenbahn im Dienste von Lyrik und Liebe. Carl Reichert machte also nicht nur mächtig Dampf mit seiner Lok, sondern nutzte die Eisenbahn auch zum liebevollen Stelldichein.

Der Tauberbischofsheimer / tauberfränkische Mundartdichter Josef Dürr widmete in einem Gedicht "Marktfahrt", das eine Bahnfahrt zur Königshöfer Meß beschreibt, dem Büschemer Bahnhof, dem Bahnsteig, der Abfahrt des Lokalzuges in Richtung Lauda, Königshofen, eine wunderschöne Hymne einer Fahrt im überfüllten Zug. Nichtraucher gab es noch nicht. Abstand auch nicht. Nur dichtes Gedränge. Sowohl auf dem Bahnsteig, als auch im Zug. Das unterstreicht die Bedeutung der Bahn zu dieser Zeit, den Beitrag der Bahn zur Mobilität der Bevölkerung. Die Eisenbahn mußte sich allerdings erst zum Massenfortbewegungsmittel entwickeln. Zunächst eher von der Oberklasse genutzt. Für die Entwicklung des Güterverkehrs wichtig. Erst wesentlich später auch von der einfacheren Bevölkerung genutzt. Mit der Bahn kam man zu Zielen, zu wichtigen Ereignissen in der Region, wie die Königshöfer Meß. Ein regionales Weltwunder zur damaligen Zeit. Das sich keiner entgehen ließ. Deshalb auf zur Bahn, zum Bahnhof, hinein in den Zug mit wenigen Wägen. Wer keinen Platz hatte, oder sich zu einem freien Platz durchkämpfte, trat den anderen auf die Füße, also auf die Schuhe, vornehmlich im vorderen Zehenbereich. Wer auf die Königshöfer Meß will, muß auch etwas leiden, bevor er die neusten Weltwunder erleben kann. Die Heimfahrt wurde ebenso im überfüllten Zug angetreten. Und endete auf dem ebenso zunächst überfüllten Büschemer Bahnsteig, Bahnhof, der sich dann rasch entleerte.

Wesentlich krasser verliefen die Zusammenkünfte tauberfränkische Eisenbahnlandschaft mit den etwas berühmteren Literaten. Hans Fallada und sein Frau fuhren auf dem Weg zum Laudaer Bahnhof in einen Graben der Bahnhofsstraße. Anschließend mußte Fallada das schwere Gepäck einer Freundin den langen Weg zum Bahnhof schleppen. Was fluchte er über das längste Dorf der Welt! So entging ihm u. a. die Schönheit der Laudaer Eisenbahnerwohnsiedlung. Es entging ihm auch, dass er nicht im Schwabenland war. Was schimpfte er auf die Schwaben. Und er titulierte im nicht aufbereiteten Zorn auf Lausa!

Der übergeniale Satiriker Heino Jäger - mit seiner NDR Nonsense Sendung Fragen Sie Doktor Jäger - wurden im verwirrtesten Zustand von der Laudaer Bahnpolizei im Bahnhofswartesaal aufgegriffen. Heute wäre das nicht mehr möglich. Damals hielten noch D-Züge in Lauda. Und man konnte noch jederzeit in den großen Wartesaal hinein.

Auf der Strecke Crailsheim - Lauda verließ der Autor der Russendisko Wladimir Kaminer aufgrund des unverständlichen Zugbegleiter-Geplärres per Lautsprecher zu früh den Zug. Statt in Weikersheim, wo er zum Club W71 wollte, vermutlich in Laudenbach ausstieg. Und irrte in der ihm absolut unbekannten tauberfränkischen Landschaft umher. Die Organisatoren vom Club W71 konnten ihn dann noch erfolgreich bei einer Suche auflesen. Wer weiß, welche fallada-lausaische Suada Weikersheim dadurch erspart blieb.

Aber nicht nur Literaten lernten die härtere Seiten der Eisenbahnlandschaft Tauber-Frankens kennen. Der spätere Bundespräsident Heuss wurde in Lauda aufgrund des Verdachtes der Lebensmittelschieberei von Laudaer Bahnpolizisten verhaftet. Dabei war der gerade unterwegs die Noch-Nicht-Bundesrepublik zur Bundesrepublik zu machen. Und hatte aufgrund der Beschränkungen von Bizone / Trizone reichlich Essen im Koffer mitgebracht.

 

 

Bis Hans Fallada, schwere Koffer schleppend, den Laudaer Bahnhof mit dem vorgelagerten Eisenbahnamt über die wirklich als lange Straße erscheinende Bahnhofsstraße erreichte, hatte sich sein Fluchen auf das längste Dorf der Welt - Lausa - unrevidierbar bei ihm eingeprägt. Und in der Literatur verewigt. Dampflok-Eisenbahnfans dagegen sprechen vom Mythos Lauda. Von der Droge Lauda. Die Droge Lauda nahm Fallada allerdings nicht. Er blieb bei Lausa!